Wer seine Vögel beobachtet, der kann häufig sehen, daß sie Ihre Schnäbel an einem Ast oder einer Sitzstange oder an was auch immer „reiben“. Haben Sie sich jemals gefragt: Warum?

Was die Verhaltensforschung angeht, ist das Schnabelreiben offenbar nicht von besonderem Interesse, findet man doch eher spärliche Informationen dazu. Einige Erklärungen sind: Es wirkt (definitiv) wie eine Serviette, wahrscheinlich als Feile und vielleicht sogar als eine Art Kölnisch Wasser.

George A. Clark Jr. konzentrierte sich 1970 auf dieses Verhalten und notierte “Ich habe gesehen, wie Sperlingsvögel an einer Wäscheleine, einem Zaun, einem Metallvogelbad und dem Rand eines Schornsteines ihre Schnäbel rieben. Während diese Art es nur gelegentlich, manchmal nur ein paar Mal machte, zeigten Finken diese Verhalten bis zu 90 mal in wenigen Minuten.“ Bei seiner Forschungsarbeit stieß er auf 90 Arten, die ebenfalls Schnabelreiben als Verhalten zeigten, und er vermutete, dass alle Vögel dies mehr oder weniger häufig tun.

Das Serviettenprinzip: Geht davon aus, dass Vögel ihre Schnäbel hauptsächlich an Ästen reiben, um sie zu reinigen. Eine Folgerung basierend auf Beobachtungen vieler Arten. Clark schrieb “Wie bereits erwähnt, reiben die Vögel häufig nach dem Verzehr von matschigem, schmierendem Futter wie Wildfett, Früchten oder saftigen Insekten ihre Schnäbel an Gegenständen”
Es macht einfach Sinn; Sie wissen selbst, wie es ist, wenn Sie saftiges klebriges Essen hatten und der Mund evtl. verschmiert ist. Um diese Vermutung zu verifizieren, haben Forscher in Großbritannien ein Experiment durchgeführt und in einer Studie von 1992 bestätigt, europäische Stare reiben nach dem Verzehr von klebrigem Essen häufiger ihre Schnäbel als nach dem Verzehr von Trockenfutter.

Das Schleifprinzip: Das eigentliche Ziel dieser Studie war es jedoch, die Hypothese zu testen, ob Vögel ihre Schnäbel an Gegenständen reiben, um sie zu schleifen. Ursprüngich zu diesem Versuch führte, dass Forscher Innes Cuthill, Professor für Verhaltensökologie an der Universität von Bristol, von einem Studenten gefragt wurde, warum z.B. der Star dieses Verhalten zeigen würde. Cuthill wusste aber keinen plausiblen Grund für das Verhalten. Er stöberte in ornithologischen Werken in einer Bibliothek und stellte fest, dass niemand die Frage in einem Labor untersucht hatte. “Ich dachte, es wäre ähnlich, als würden Katzen ihre Krallen schärfen oder Nagetiere kauen, um ihre Zähne kurz zu halten.“, schrieb er mal in einer eMail.

Wie Fingernägel oder Haare besteht auch der äußere Teil des Schnabels eines Vogels aus dem Protein Keratin und wächst ununterbrochen. Futtersuche und das Fressen tragen tragen diese äußere Schicht ab und geben dem Schnabel ihre Form. Stare und andere Arten, so stellten Cuthill und Kollegen fest, ernähren sich zu unterschiedlichen Jahreszeiten anders und fressen z.B. während der Zucht hauptsächlich Käfer und Würmer, wechseln aber im Herbst und Winter zu vielen Früchten und Samen. Sie fragten sich, ob das Reiben des Schnabels den Vögeln helfen könnte, ihre Schnäbel in die Forme zu bringen, die am besten geeignet ist um die jeweiligen Futter besser verzehren zu können.

Die Antwort war laut ihren Ergebnissen, „ja“. Sie stellten fest, dass das Schnabelreiben einen signifikanten Einfluss auf die Länge und Form der Schnäbel hatte. Vögel, in deren Behausungen nur glatte Sitzstangen waren, wischten ihre Schnäbel häufiger ab als Vögel mit rauen, was offenbar den Mangel an Abrieb kompensierte. Und Vögel mit rauen Sitzstangen, an denen sie den Schnabel reiben konnten, nahmen schneller Futter auf als Vögel mit glatten. Dies untermauert auch die Vermutung, dass die Häufigkeit des Reibens so angepasst werden kann, dass die Schnabelform zum (saisonal) aktuellen Futter passt.

Neben dem Reinigen und Abschleifen ist den Wissenschaftlern aufgefallen, dass das Reiben der Schnäbel in sozialen Interaktionen zwischen Vögeln häufig vorkommt. In seiner Arbeit aus dem Jahr 1970 bezeichnete Clark diese Situation als augenscheinliche „Übersprungshandlung“. Unter diesem Begriff versteht man Verhaltensweisen wie Zappeln oder Kopfkratzen, die unbewusst auftreten, wenn Frustration auftritt oder Individuen sich in Konfliktsituationen befinden. Allerdings sind solche Ansätze bei vielen Wissenschaftlern umstritten “Wir akzeptieren solche Erklärungen für das Verhalten von Tieren nicht mehr wirklich”, sagt Danielle Whittaker, Evolutionsbiologin an der Michigan State University. “Wir prüfen, ob dahinter nicht doch etwas bedeutsameres steckt.”

Kölnisch-Wasser-Prinzip. Whittaker war fasziniert von Gerüchen und wie sie sich auf die Fortpflanzung von Tieren auswirken. Ihre Forschung hat gezeigt, dass Putzöl, das Vögel durch eine Drüse produzieren und verwenden, um ihre Federn zu pflegen und wasserfest zu machen, Gerüche und chemische Signale enthält, die bei der Partnerwahl eine Rolle spielen. Als Whittaker sich mit dem Verhalten des Schnabelreibes beschäftigte, fragte sie sich, ob Vögel möglicherweise auf nahegelegenen Oberflächen dieses „Putzöl“ schleudern, um diese Gerüche freizusetzen und einen Partner anzulocken.

Um das herauszufinden, führte sie mit Winterammern im Grand Teton National Park ein, wie Sie es nannte, „lustiges kleines Experiment“ durch. Es ging darum, eine eingesperrte Ammer – manchmal männlich, manchmal weiblich – in die Reichweite von wilden Ammern zu stellen. Dies dann verbunden mit einer Aufzeichnung des Lockrufes eines Weiblichen oder der Balz- bzw. Reviermarkierungs-Rufe eines männlichen Tieres. Whittaker und ihr Team zeichneten den wilden Vogel auf Video auf, damit sie sein Schnabelreiben zählen konnten, und berichteten 2014, dass das Verhalten eine Rolle bei der Ammern-Balz spielt. “Ich habe es nicht sehr oft als Reaktion auf einen anderen Mann gesehen”, sagt sie, “aber ich habe es sehr zuverlässig als Reaktion auf eine Frau gesehen.”

Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Schnabelreiben in der täglichen Routine, aber auch in gezielten Situationen, eine bedeutsame Rolle für die Tiere spielt.