In Zeiten von Corona-Diskussionen in den sozialen Netzwerken, muss man wohl niemandem erzählen, dass jede Story irgendwie ihre Anhänger findet. In Bezug auf vermeintlich „gesunde Ernährung“ ist das nicht anders. Stets und ständig werden an allen Ecken neue Ideen präsentiert und „Superfoods“ schießen wie Pilze aus dem Dickicht der Internetinformationen.

Vor einiger Zeit sprach mich eine Bekannte auf Gerstengras an. In einer Facebook-Gruppe war sie auf einen Beitrag gestoßen, in dem es als besonders gesund und mit extremer Nährstoffdichte beschrieben wurde. Zugegeben, ich kannte Weizen- und Gerstengras aus den gängigen Fachlektüren und natürlich aus Gesprächen mit Tierheilpraktiker-Kollegen, eigene Erfahrungen fehlten mir dahingehend allerdings. Also machte ich mich ans Werk und wollte sehen, in wie weit „Gras“ für unsere Vögel sinnvoll ist oder besser noch, ob Weizen- bzw. Gerstengras ÜBERHAUPT sinnvoll Verwendung finden kann.

Vorweg, was wie Alge riecht und nach (dem Geruch von) frisch gemähtem Rasen schmeckt, würde wahrscheinlich nicht nur bei mir einen schweren Stand haben, soviel war absehbar.

Im Grunde sind die neuen „Superfoods“, Gersten- und Weizengras schlichtweg altbekannte Pflanzen, die im Frühjahr sogar millionenfach auf den Äckern in Deutschland zu finden sind. Denn es handelt es sich um nichts anderes, als die jungen Triebe der Gerste (oder Weizen, mit 3 Wochen späterer Ernte als Gerste), die kurz nach dem Keimen entstehen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Gehalt an Nährstoffen im Gerstengras angeblich am höchsten. Danach nutzt die Pflanze diese für ihr eigenes Wachstum und für Halm- und Samenbildung.
Katzenbesitzer kennen Gerstengras übrigens sicher als Produkt aus dem Tierfutter-Handel: kleine Schälchen, die als „Katzengras“ verkauft werden. Auch das sind nur Gerstensprossen in einem Nährkonzentrat.

Die gängigen „Familien-Zeitungen“ preisen Gersten- und Weizengras als perfekt geeignet für grüne Smoothies an, betonen allerdings auch, dass man nur sehr geringe Mengen verwenden sollte, wegen des intensiven Geschmacks und auftretenden Verdauungsbeschwerden und Bauchschmerzen. Zumindest das mit den Bauchschmerzen ist richtig und leuchtet auch ein, denn diese Gräser sind reich an Ballaststoffen, die gut für der Verdauung sind. Isst man allerdings zu viel davon, kann dies zu Bauchschmerzen führen, weil der Körper es einfach nicht mehr ordentlich verdaut bekommt.
Gerstengras und Weizengras sind glutenfrei, enthalten aber viel Kohlehydrate, in frischem Zustand ist die Energiedichte mit etwa 300 kcal/100 Gramm recht hoch. Das erklärt auch den Hauptverwendungszweck von Gerstengras: als Mastfutter für Rinder.
Frisches Gerstengras enthält einige Mineralstoffe und Vitamine, zum Beispiel 3,4 mg Zink, 37 mg Eisen, 179 mg Magnesium oder 832 mg Kalzium. Weizengras dafür punktet mit seinem hohen Gehalt an Eisen, Magnesium, Zink und Selen. Außerdem enthalten die Weizensprossen viel Vitamin A, C, E und K.

Wo es frische Produkte gibt, sind Pülverchen natürlich nicht weit, in diesem Falle: Pulverprodukte aus Weizen- bzw. Gerstengras. Fünf Mal so viel Eisen wie Spinat und sieben Mal so viel Vitamin C wie in Orangen sollen, laut Herstellerangaben, enthalten sein. Da allerdings liegt schon der erste Fehler. Verglichen mit frischem Obst und Gemüse hat pulverisiertes Gras eben nicht mehr Vitamine oder Mineralstoffe. Ein Teelöffel Graspulver enthält tatsächlich nur 7,5 Milligramm Vitamin C, eine kleine Orange 53 Milligramm. Auch beim Spinat geht die Rechnung nicht auf: Das Pulver enthält 0,870 Milligramm Eisen und damit weniger als die Hälfte einer Portion Spinat, mit gut zwei Milligramm.
Übrigens gehen in den Pulverprodukten auch die Ballaststoffe weitgehend verloren. Erhalten bleibt aber das Chlorophyll, der grüne Pflanzenfarbstoff, der im Zellschutz eine Rolle spielen soll.

Für Weizen- oder Gerstengras als SINNVOLLE gesunde Ernährung spräche also im Grunde nur das Chlorophyll. Brokkoli, Grünkohl, Spinat oder Mangold aber enthalten ebenfalls viel Chlorophyll, Vitamine und Mineralstoffe und ganz abgesehen davon, dass es diese Gemüsesorten regional, saisonal und natürlich auch bio zu kaufen gibt, sind sie mit weitem Abstand leckerer als Gersten- oder Weizengras und finden auch bei unseren Vögeln deutlich schneller und besser Akzeptanz.

Alle Behauptungen zum Thema Gersten- und Weizengras stützen sich eigentlich auf die Aussagen vom japanischen Forscher Dr. Yoshihide Hagiwara. Er kam zu dem Schluss, dass Gerstenhalme eine einzigartig ausgewogene Nährstoffzusammensetzung bieten. Ernsthaft verifiziert wurden diese Behauptungen eigentlich nie und wie oben erwähnt, spricht nicht wirklich etwas für Gerstengras als sinnvolle Nahrungsergänzung.

Bedenkt man dann noch, dass es für den Begriff „Biologischer Anbau“ keine wirklich gültigen einheitlichen Definitionen gibt, kann man sich vorstellen, wie schnell Pulverprodukte mit Pestizidrückständen oder ähnlichem belastet sein können.
In Baden-Württemberg fanden Lebensmittelkontrolleure in Stichproben von Weizen- und Gerstengraspulver mehr Pestizide als erlaubt. 2016 riefen einige Anbieter ihre Gräserprodukte wegen erhöhter Gehalte an E.-Coli-Bakterien zurück.

Gerne hätte ich als Freund der Naturheilkunde Gersten- oder Weizengras als sinnvolle Ergänzung für meine Vogelpatienten „entdeckt“. Schlussendlich bleibt aber die Einsicht und das bestätigen auch viele Gespräche mit Kollegen, dass es zwar durchaus verfüttert werden kann, abgesehen vom eigenwilligen Geschmack, aber nicht wirklich viel für die Gesundheit zu bieten hat.

Also, investieren Sie Ihr gutes Geld lieber in „normale“ gesunde Ernährung Ihrer Vögel, ohne viel Schnickschnack. Oder Sie fragen den Tierheilpraktiker Ihres Vertrauens 😉